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Taubenjagd von Jerry Spinelli. Jugendbuchempfehlung

Jerry Spinelli:

Taubenjagd

1. Bibliografische Angaben und Lesestufe

  • Jerry Spinelli: Taubenjagd. München: dtv junior, 2003, 208 S. (übersetzt von Andreas Steinhöfel, Originaltitel: Wringer)
  • Lesestufe: 7.–9. Klasse

2. Inhaltsangabe

Palmer will kein Halsumdreher werden. Und er will keine zehn Jahre alt werden. Denn in seiner Heimatstadt Waymer werden alle normalen zehnjährigen Jungen Halsumdreher. Das sind die, die bei dem alljährlichen Taubenschießen die angeschossenen Vögel vom Platz holen und ihnen den Hals umdrehen. Mit vier Jahren musste sich Palmer das Spektakel zum ersten Mal ansehen. Auf seine Frage, warum die Tiere umgebracht würden, antwortete seine Mutter damals, man wolle sie von ihrem Elend erlösen. Später erfuhr er von seinem Vater, dass das Taubenschießen die Pflege des Stadtparks finanziert. Trotzdem versteht Palmer dessen Sinn nicht. Und was hat die goldene Taube daheim auf dem Kaminsims zu bedeuten? Palmer will aber auch ein ganz normaler Junge sein. Er möchte endlich von Bohne, Töle und Henry in deren Bande aufgenommen werden und wie alle anderen ernstzunehmenden Kinder an seinem Geburtstag die „Behandlung“ bekommen, eine äußerst schmerzhafte Malträtierung der Arme durch den älteren Jungen Farquar. Und er will seinem Vater ein guter Sohn sein. So wie Palmer das versteht, heißt das, zu beweisen, dass auch er, ganz in der Tradition der Familie und der Stadt, ein Halsumdreher und Taubenhasser sein kann. Zum Glück wird Palmer heute erst neun. So kann er noch in vollen Zügen genießen, dass Bohne, Töle und Henry seine Einladung angenommen haben. Als er den ehrenvollen Spitznamen „Rotzie“erhält und auch noch zu Farquar gebracht wird, weiß Palmer, dass er endlich ein vollwertiges Mitglied der Bande ist. Noch hat er ein ganzes Jahr Zeit, die Welt mit den Augen der Jungen zu sehen und herauszufinden, wie es ist, von jüngeren Kindern bewundert zu werden und seine ehemalige Freundin Dorothy, jetzt „Fischgesicht“, mit toten Ratten und Schneeballattacken zu ärgern. Doch dann fliegt Palmer eines Tages eine Taube zu und wirft lange Schatten auf seinen zehnten Geburtstag voraus. Er schafft es nicht, sie zu vertreiben, sondern gewinnt ganz im Gegenteil ihr Vertrauen und gibt ihr sogar einen Namen: Picker. Er verheimlicht diese Freundschaft so gut es geht und zieht sich von den Jungen zurück. In seiner Not vertraut er sich Dorothy an. Diese rät ihm, seinen „Freunden“, die allmählich etwas ahnen, reinen Wein einzuschenken und einfach kein Halsumdreher zu werden. Aber dazu ist Palmer zunächst noch nicht bereit. Denn werden sie dann nicht auch ihm, dem „Verräter“, den Hals umdrehen? Lieber verleugnet er seine Taube, trägt eine Elefantenmaske, damit der Vogel ihm nicht wieder in aller Öffentlichkeit auf dem Kopf landet, und provoziert in der Schule Strafstunden, um nicht mit Bohne, Töle oder Henry nach Hause gehen zu müssen. Erst allmählich wird Palmer bewusst, dass er die Gesellschaft der Jungen mehr fürchtet als genießt, dass sein Vater Tauben gar nicht hasst und dass es seine freie Entscheidung ist, ob er Halsumdreher werden möchte oder nicht. Ob sein sehr spätes Nein allerdings ausreicht, um seiner Taube das Leben zu retten, bleibt offen.

3. Kurzinformationen zum Autor

Jerry Spinelli, Jahrgang 1941, lebt in Pennsylvania und ist einer der renommiertesten Jugendbuchschriftsteller in den USA. Für seinen Roman East End, West End und dazwischen Maniac Magee erhielt er 1991 die Newbery Medal. Taubenjagd stand 1998 auf der Ehrenliste für diesen bedeutenden US-amerikanischen Jugendliteraturpreis.

4. Allgemeine Einordnung

Spinellis Roman behandelt Gewalt und Unterdrückung innerhalb von Cliquen, die Ausgrenzung von Schwächeren, den Umgang mit Vorurteilen und die Bildung von Zivilcourage. Damit weist Taubenjagd eine große Nähe zum realistischen, problemorientierten Jugendroman auf, der in den 1970er Jahren in Deutschland von Verlegern und Literaturkritikern propagiert wurde und unter anderem mit Peter Härtlings Das war der Hirbel, Hans-Georg Noacks Rolltreppe abwärts und Leonie Ossowskis Die große Flatter einen gelungenen Ausdruck fand. Damals wie heute wird der problemorientierte Jugendroman als Mittel zum sozialen und politischen Lernen eingesetzt. Doch im Unterschied zu vielen Romanen der 1970er Jahre werden die Probleme der Handlungsträger in neueren Veröffentlichungen nicht mehr in erster Linie auf ihr soziales Umfeld, ihre Herkunft und die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Randgruppe (wie z. B. Behinderte, Drogenabhängige oder Obdachlose) zurückgeführt, sondern eher als Folge individueller Entwicklung dargestellt. Jeder kann somit zum Opfer oder Täter werden. Wichtiger als die gesellschaftlichen Ursachen für die Probleme des Protagonisten aufzuzeigen, erscheint es deshalb, die Wirkung unterschiedlicher Verhaltensweisen auf ihr Umfeld zu beschreiben und Möglichkeiten der Veränderung zu entwickeln. Auch Palmer und seine Bandenmitglieder Bohne, Töle und Henry können keiner gesellschaftlichen Randgruppe zugeordnet werden. Der Autor betont ausdrücklich, dass der gewalttätigste Junge der Bande, Bohne, in einem völlig durchschnittlichen Umfeld aufwächst. Palmer kommt sogar aus einem sehr verständnisvollen Elternhaus, in dem die Mutter seine Wünsche nach Intimsphäre akzeptiert und der Vater seinem Sohn zuliebe die Tauben-Trophäe vom Kaminsims entfernt. Warum Bohne, Töle und Henry so gewaltbereit sind, wird nicht erläutert, und für Palmer wird ein relativ schwaches Motiv angegeben: In Waymer muss man eben so hart sein, um dabei sein zu können („‚Werde ich auch irgendwann ein Halsumdreher sein?’ Sein Vater nickte sehr knapp und sagte: ‚Todsicher, meiner Großer.’ (…) Wie er hörte, wurden aus Jungen Halsumdreher, sobald sie zehn Jahre alt wurden.“, S. 44). Dass das so gar nicht stimmt und es in der Stadt durchaus Familien gibt, die an dem Ritual gar nicht beteiligt sind, nimmt Palmer allerdings erst wahr, als er seine eigene Sichtweise verändert (Dorothy: „Wir haben von so was keine Ahnung. Niemand hat uns jemals was davon erzählt. In meiner Familie bringt keiner Tauben um!“, S. 194). Umgekehrt wird auch Palmers entstehende Zivilcourage nicht auf neue soziale Erfahrungen (abgesehen von der Freundschaft zum gesellschaftlichen Opfer Picker), sondern auf sein individuelles Wesen zurückgeführt, das es nicht mehr erträgt, bei den Jungen und dem Halsumdrehen mitzumachen. Spinelli geht es also weniger um das Aufzeigen der Ursachen für Palmers Verhalten, sondern vielmehr um die Darstellung seiner Entwicklung weg vom gruppenabhängigen Mittäter, der seine eigene Unlust zur Untat vor seinen Freunden und sich selbst verleugnet, hin zum zivilcouragierten, selbstbewusst auftretenden Jungen, der Verantwortung für sein Handeln übernehmen will. Da die Themen „Gewalt“ und „Selbstbehauptung“ als allgemeingesellschaftlich vorhandene Phänomene dargestellt werden, fördert die Lektüre von Taubenjagd in besonderem Maße die Fähigkeit zur Empathie und zur verbalen Auseinandersetzung – Eigenschaften also, deren Mangel häufig als Ursache für die zunehmende Aggressivität unter Jugendlichen angeführt wird. Indem Palmer sowohl Täter wie Opfer ist, versperrt sich der Roman einer einfachen Gut-Böse-Interpretation und ist auf Differenziertheit und Komplexität angelegt. Er fördert nicht nur das Einfühlungsvermögen, sondern setzt auch reflektiertes Lesen voraus und eignet sich daher besonders für fortgeschrittene Leser. Palmers ambivalente Position zwischen Zerstörer und Fürsorger seiner Umwelt lässt sich auch auf unseren Umgang mit der Natur übertragen. Insofern wirft Taubenjagd die Frage auf, ob wir das Recht haben, mit der Umwelt so umzugehen, wie es uns gefällt.

5. Strukturelle und sprachliche Besonderheiten

Der Roman ist in einer leicht verständlichen, fesselnden und gleichzeitig atmosphärisch dichten und literarischen Sprache geschrieben. Die Handlung wird in drei Teilen und 40 kurzen Kapiteln linear und zusammenhängend entwickelt und Palmers Reifungsprozess hin zu einem selbstbewussten und zivilcouragierten Jungen plausibel vorgeführt. In personaler Erzählhaltung wird das Geschehen konsequent aus Palmers Sicht dargestellt. Dies ermöglicht einerseits die Einfühlung in den Protagonisten und seine Beweggründe und fordert andererseits aufmerksames Lesen und eine selbstständige Urteilsbildung heraus. Denn es bleibt stets ungewiss, inwieweit Palmers subjektive Sicht den Tatsachen und der Wahrnehmung anderer Handlungsträger entspricht. Einige Textstellen deuten über Palmers Perspektive hinaus und problematisieren sie auf diese Weise, so etwa Dorothys Rat, einfach kein Halsumdreher zu sein. Die Freundin hat offensichtlich mit dem Ritual nichts zu tun, muss sich ihm deshalb auch nicht unterordnen. Hier ahnt der Leser, dass wahrscheinlich auch noch viele andere Kinder wie Dorothy denken, weshalb Palmers Beteiligung an dem Taubenschießen plötzlich nicht mehr als gesellschaftlicher Zwang, sondern als individuelle Entscheidung erscheint. Auch als Palmer erfährt, dass sein Vater offenbar Tauben nie gehasst hat, wird der Leser mit der Frage konfrontiert, welcher Darstellung Palmers er nun glauben kann. Muss man das Widersprüchliche als plötzlichen Lernprozess des Vaters gegenüber seinem Sohn ansehen? Oder nicht vielmehr als Palmers Projektionen, die sich nur der von ihm gewünschten Situation anpassen: einmal der Vater als Trophäenbesitzer, der keinen schwächlichen Sohn duldet, und einmal der einfühlsame Vater, der immer auf der Seite seines Sohnes agiert? Die Handlung ist durch die Erzählhaltung und die ambivalente Motivation des Protagonisten durchaus komplex. Palmers Empfinden wird durch ambiguose Begriffe, die durch die Bedeutung, die er ihnen zuspricht, zu Symbolen werden, ins Bild gesetzt (siehe auch 6.). Gleich zu Beginn werden etwa „Halsumdreher“, „Geburtstag“, „Bande“, „Behandlung“, „Park“, „Spitzname“ und „Fischgesicht“ eingeführt. Diese Symbole lassen sich nicht sofort leicht erschließen, sondern werden zunächst nur als Wörter mit hohem Bedeutungsgrad wahrgenommen, die im Lauf der Lektüre entschlüsselt werden müssen. Eine große Ausstrahlungskraft besitzen auch Begriffe wie „Bleisoldaten“, „(goldene) Taube“, „Waymer-Woche“, „Pulverdampf“, „gelbe Katze“ und „Rangierbahnhof“. Als Picker auftaucht, kommen mit „Klopfen“, „Fenster“, „Honigcracker“, „Dorothy“ und „Strafarbeit“ vor allem positiv konnotierte Sinnbilder hinzu.

6. Didaktische Anregungen

Unterrichtseinstieg
Als Einstieg bietet es sich an, gemeinsam den Zeitungsausschnitt auf Seite 6 über das bevorstehenede Taubenschießen zu lesen, wozu die Schüler dann Position beziehen. Wie wird diese Veranstaltung empfunden? Was spricht dafür (Einnahmen für den Park, Spiel und Spaß, Sportlichkeit), was dagegen (sinnloses Töten der Tauben, Kinder als mörderische Halsumdreher, makabere Verbindung von Fest und Tod)? Was erwarten die Schüler von dem Roman (Umweltgeschichte über Tierquälerei oder Gesellschaftskritik)?

Textanalyse
Der Text lässt sich gut über die bereits erwähnten Schlüsselbegriffe (vgl. 5.) erschließen, deren Bedeutungen man mit Hilfe von Mindmaps zusammenstellen kann. Bei der Besprechung sollte besonderer Wert auf die Frage gelegt werden, inwiefern sich die jeweiligen Bedeutungen innerhalb des Romans verändern. Beispiele:
Halsumdreher: Erlöser der angeschossenen Tauben, Einnahmen für den Park, Initiationsritual der Stadt, Mittäter, institutionalisiertes Lernen von Gewalt, Mörder.
Bleisoldaten: Familientradition, soldatisches Bewusstsein als Tugend, vom Vater übertragene Verantwortung, diese Tugend zu leben. Behandlung: Initiation, Ehre durch Schmerz, Bewunderung, Farquar als ausführendes Organ des städtischen Sittenkodexes, Sinnlosigkeit von Gewalt.
Fischgesicht: Dorothys Schimpfname, Ausgrenzung, durch Stigmatisierung Dorothys Integration Palmers in die Bande, Feindin, Freundin.
Taube: Ratte der Lüfte, Opfer, Trophäe, schutzbedürftig, Picker, Auslöser für Palmers Wandlung, Anhänglichkeit, Fähigkeit, sich in die Luft über die anderen hinwegzuheben.
Fenster: Ausblick, Kommunikation mit Taube, Einlass des Vogels, Gefahr (Einstieg für Bande).
Strafarbeit: Schonzeit, Schonraum, Leugnen von Picker. Die Umkehrung der eigentlichen Bedeutung von „Strafe“ in „Belohnung“ zeigt Palmers allmähliche Loslösung von festgeschriebenen Werten.

Weiterführende Fragestellungen

  • Der Roman ist aus Palmers Sicht geschrieben. Welche Bedeutung haben die oben genannten Begriffe für die Bande, seine Eltern und Dorothy?
  • Wie kommt es, dass Palmer sein Verhalten ändert? Erkennt er plötzlich seine konkreten Handlungen (wie das Quälen von Mitschülern) als verwerflich an oder bleiben diese nicht eher nach wie vor aus seiner Perspektive nachvollziehbar? Resultiert nicht vielmehr die Aufgabe seiner unreflektierten, undistanzierten Haltung zum Geschehen in einem neuen Verhalten? Inwiefern wird das eigene Handeln von den persönlichen Einstellungen und Ansichten bewirkt?
  • Wie viele unterschiedlichen Formen von Gewalt werden in dem Roman dargestellt? Wie werden sie jeweils bewertet? (Taubenschießen: von der Gesellschaft akzeptierte Form der Gewalt gegen wehrlose Tiere; Behandlung: in eingeweihtem Zirkel, darunter auch Palmers Vater, akzeptierte Gewalt; Mobbing von Dorothy, später Palmer: in der Bande akzeptierte Gewalt) Wie wird Gewalt legitimiert (Bewunderung von Gewalt, Tradition, Vorurteile gegen Ratten der Lüfte/überhebliche Dorothy)? Mit welchem Zweck wird Gewalt jeweils angewandt? Wo fängt für die Schüler Gewalt an und welche Formen der Gewalt werden von ihnen akzeptiert und warum?
  • Was passiert, als Palmer sich öffentlich bekennt, dass er kein Halsumdreher sein will? Werden seine Angstvorstellungen wahr? Wann hätte Palmer schon Nein sagen müssen?
  • Was ist Zivilcourage? Wer handelt heute noch zivilcouragiert? Welches Risiko birgt zivilcouragiertes Handeln? Lohnt es sich, dieses Risiko einzugehen? Was ist der Maßstab unseres Handelns?
  • Inwiefern spiegelt der Roman unseren Umgang mit der Natur wider? • Der Schluss des Romans ist offen. Suggeriert der Autor eher, dass die verwundete Taube stirbt oder überlebt? Wie verändert sich durch die jeweilige Interpretation die Botschaft des Textes?


Alternative Handlungsverläufe

  • Palmer versucht, seine Meinung in der Gruppe offen zu artikulieren: Nein zum Mobbing von Dorothy, Nein zum Halsumdrehen, Nein zu den böswilligen Besuchen bei ihm zu Hause. Verstößt die Bande ihn dann oder entsteht ein anderes Gruppenverhalten?
  • Palmer bekennt sich von Anfang an zu seinem Vogel: Was passiert?
  • Palmer erzählt seinen Eltern oder der Lehrerin von seinen Nöten: Verbessert oder verschlechtert es die Situation?
  • Die Schüler entwerfen zu einzelnen Szenen des Buchs (z. B. zum Mobbing von Dorothy) jeweils einen alternativen Handlungsverlauf in Form einer Fotostory.


Rollenspiele

  • Mobbing: Wie kann sich ein Opfer gegen eine Gruppe zur Wehr setzen?
  • Zivilcourage: Eine Gruppe tritt einen Mitschüler, weil sie Vorurteile gegen ihn hat. Eine andere Gruppe soll einschreiten. Mit welchen Mitteln hat sie Erfolg?
  • Dorothy vertraut einer Freundin an, dass die Jungen sie tyrannisieren. Was erzählt sie, als die Jungen die Ratte an die Tür nageln?

empfohlen von Annette Kautt


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